Landwirtschaft in Ägypten

Stellen Sie sich ein Zeitalter vor, in dem die Zeit noch nicht existierte oder zumindest nach unserer modernen Vorstellung noch keine Rolle spielte. Der Wechsel von Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen wurde zur Zeitmessung herangezogen, um den Verlauf der vorüberziehenden Jahre grob und auf äußerst unzuverlässige Weise zu schätzen. Dieser Mangel an Genauigkeit mag den Anschein erwecken, ein sorgloseres Leben zu ermöglichen, hatte für die alten Ägypter jedoch fatale Folgen.

Landwirtschaft stellte den Grundpfeiler des Lebens im alten Ägypten dar. Aus diesem Grund drehte sich auch alles um den Nil, der berüchtigt war für seine jährlichen Überschwemmungen, die mühelos sämtliche Pflanzen auf ihrem Weg zerstörten. Darüber hinaus konnten diese Überschwemmungen innerhalb eines Augenblicks die gesamte Ernte zerstören, da keine Möglichkeit zur genauen Zeitmessung bestand. Aus dieser Not heraus entwickelten die alten Ägypter das System des 24-Stunden-Tages und des 365-Tage-Jahres. Dieses unglaubliche Volk war ferner in der Lage, drei Jahreszeiten zu klassifizieren: Akhet (Überschwemmung), Peret (Bepflanzung) und Shemu (Ernte). Auf diese Weise wurden die Überschwemmungen äußerst präzise vorhergesagt, sodass die Ägypter ganzjährig arbeiten und ihren Lebensunterhalt (u. a. Weizen, Gerste, verschiedenes Gemüse und köstliche Feigen, Melonen und Granatäpfel) sichern konnten.

Mit der Landwirtschaft als Herzstück ihrer Zivilisation fanden zahllose weitere Innovationen ihren Weg in den Alltag Ägyptens. Als erste in der Menschheitsgeschichte entwickelten die Ägypter ein Verfahren zur Herstellung von Papier, dem sogenannten Papyrus, das in sämtlichen Lebensbereichen Anwendung fand – vom Vertrag bis hin zur Literatur. Diese Methode war derart fortgeschritten und wertvoll, dass sie zu einem der bestgehüteten Geheimnisse der Ägypter werden sollte, das erst in den 1960-er Jahren gelüftet wurde. Mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten gelang es den Ägyptern ferner, ihren lokalen Baumwollanbau über Jahrhunderte weiterzuentwickeln, sodass ihre Baumwolle auch heute noch für ihre Qualität bekannt ist. Was genau ist so besonders an dieser sogenannten „ägyptischen Baumwolle“? Durch die Länge der Fasern entsteht feinstes Garn, das sich nichtsdestotrotz durch seine Stärke auszeichnet, d. h. es ist sowohl angenehm weich als auch widerstandsfähig und robust.

Dank dieser historischen Errungenschaften konnten die alten Ägypter ein Leben im Überfluss genießen und sich so anderen kulturellen, technologischen und künstlerischen Bestrebungen widmen und die gesamte Antriebskraft ihres unübertroffenen Könnens entfalten.